Interview mit Karl Simko, Produzent und Direktor

Am 3. September hat in Venedig „Vivaldi Immersive“ eröffnet: Mitten in der Stadt (Barbaria de le Tole 6691) stehen zehn runde Sessel bereit, Nachbildungen des legendären Ball Chair von Eero Aarnio aus dem Jahr 1963. Man sinkt hinein, taucht in die Barockzeit ein und erlebt die Musik von Vivaldi so, wie sie zu seiner Zeit geklungen haben könnte - als Apple Immersive Video, also als 180-Grad-Video mit der Apple Vision Pro, gespielt vom Ensemble Verità Baroque.
Wir haben mit Karl Simko gesprochen. Er ist Barockcellist, Produzent und Direktor von Vivaldi Immersive. vivaldi-immersive.com

1 Wie bist du auf die Idee für dieses Apple Immersive Video über Vivaldi gekommen? Warum Vivaldi und warum die Apple Vision Pro?
Bei diesem Projekt kommen meine ganz persönlichen Professionen einfach sehr gut zusammen. Ich bin Videoproduzent für klassische Musik mit einem Hintergrund als Cellist, und angefangen hat alles damit, dass ich online eine neue Kamera gesehen habe. Ein echtes Nischenprodukt, aber von Blackmagic Design aus Australien, einer Firma, die ich sehr gut kenne und von deren Arbeit ich wirklich begeistert bin. Die haben sich mit Apple zusammengetan und eine Kamera für die Apple Vision Pro entwickelt. Diese Kamera ist einfach besonders: Sie hat zwei 8K-Sensoren und kann das menschliche Tiefenempfinden durch Stereoskopie, also zwei sich überlappende Bilder, richtig nachstellen. Als ich das gesehen habe, hat es bei mir nicht mehr aufgehört zu rattern. Ich hatte sowieso Feuer gefangen für eigene Produktionen und dachte, das ist ein sehr guter Zeitpunkt, so eine neue Technologie für kulturelle Themen einzusetzen. Es geht mir dabei gar nicht um die Technik um der Technik willen, sondern darum, sie für Themen zu nutzen, die ich vermitteln möchte.
Und damit sind wir bei Vivaldi. Ich habe lange Barockcello gespielt und den Großteil meines professionellen Musikerlebens damit auf der Bühne gestanden. Vivaldi macht einfach immer Spaß, nicht nur dem Publikum, sondern auch den Musikern. Da steckt eine unglaubliche Energie drin und eine Simplizität, die in ihrer harmonischen Struktur fast an heutige Popularmusik erinnert. Ich glaube, deshalb ist das so eingängig. Ich bin der absolut größte Fan, ich könnte immer Vivaldi hören, so viele Facetten, so viele tolle Sachen. Weil ich das Ganze wirklich als eigene Produktion und als Geschäftsmodell angegangen bin, musste es natürlich auch etwas sein, das hoffentlich viel Interesse weckt. Die Vier Jahreszeiten hört man an jeder Straßenecke, und trotzdem schätzen sehr viele Menschen dieses Werk nach wie vor ganz besonders.
Und Venedig, weil wir im Alltag alle von Termin zu Termin rennen. Abends ins Konzert oder ins Museum, das kommt oft zu kurz. Nach Venedig kommen die Leute und bringen Zeit mit, sie haben Lust, sich diese tolle Stadt anzuschauen. Diese Zeit wollte ich nutzen, um ihnen mit dieser abgefahrenen neuen Technik die Möglichkeit zu geben, ganz hautnah dabei zu sein. Das soll kein Konzert ersetzen, sondern ergänzen. Man ist mitten in der Szenerie, hört die Musik um sich herum und schaut den Musikern ganz genau auf die Finger. Das ist etwas ganz Besonderes.
Die Apple Vision Pro, weil die Qualität einfach fantastisch ist. Ein wirklich hochwertiges Produkt, und das ganze Paket, das mit dem Namen Apple natürlich auch mitkommt, hat mir sehr gefallen.

Foto: Dennis Spangenmacher
2 Was war dir bei der Produktion besonders wichtig?
Das Projekt war sehr vielschichtig, aber vieles, was ich aus meiner Videoproduktion kenne, konnte ich auch hier einsetzen. Zuerst einmal ist es eine Playback-Produktion, die Musiker spielen an den Drehorten also nicht live. Das wäre möglich, aber dann verliert man die Flexibilität bei den verschiedenen Einstellungen. Wir wollten keine Mikrofone im Bild und trotzdem den bestmöglichen Sound. Deshalb haben wir für dieses kleine Ensemble von zehn Leuten über 50 Mikrofone in einer Kirche aufgebaut und eine vollwertige CD-Produktion in Dolby Atmos auf höchstem technischen Standard gemacht, mit einem fantastischen Tonmeister, Piotr Furmanczyk. Das hat vier, fünf Tage gedauert, und dann hatten wir den Sound. Das war mir natürlich sehr wichtig.

Genauso wichtig war mir, dass alles historisch akkurat ist. Ich glaube, manche denken bei so einer VR-Experience erst mal an eine billige Touristenfalle. Ich habe versucht, alle Register zu ziehen, um dem entgegenzuwirken. Da spielt die Wahl der Apple Vision Pro mit rein, also wirklich das Beste vom Besten zu nehmen, aber eben auch die historische Authentizität. Das Ensemble Verità Baroque kenne ich noch aus dem Studium, einige haben in Frankfurt studiert, heute sitzt der Großteil in Mailand. Und das ist der Dreh- und Angelpunkt: Sie spielen auf barocken Instrumenten. Wer modernes Cello studiert hat, kann nicht einfach auf Barock umschalten, das sind zwei verschiedene Welten. Man spielt auf Darmsaiten, so wie damals üblich, bis heute tatsächlich aus Schafsdarm. Die sprechen ganz anders an, klingen etwas rauer und unpolierter als die Stahlsaiten im modernen Sinfonieorchester. Die Musik historisch informiert zu spielen, wie man das nennt, war einer der wichtigsten Punkte.
Dazu kommt der ganze Rest. Ich wollte nicht biografisch Vivaldis Leben abarbeiten, sondern einen authentischen Blick in das gesellschaftliche Leben wohlhabender barocker Venezianer geben. Wie sie sich privat, als Social Happening, zum Musizieren getroffen haben. Es gehörte zum guten Ton, ein Instrument zu spielen, und wenn man eine Abschrift ergattern konnte, hat man die sehr gern zu Hause mit Freunden und Familie gespielt, manchmal auch mit gebuchten Musikern, wenn zum Beispiel der Bruder keine Bratsche spielen konnte.
Eine der allerersten Sachen, die ich gemacht habe, war, mir eine Terra-X-Doku des ZDF über Vivaldi anzusehen, die ich sehr gelungen finde. Dabei ist mir der Historiker Raffaele Dessì über den Weg gelaufen. Ich habe ihn kurzerhand angeschrieben, und seitdem ist er eine der Stützen des Projekts. Er brennt für dieses Thema und kennt sich in allen Facetten der Zeit aus, ob Tanz, gesellschaftliche Bräuche oder Kostüme. Mit ihm das alles zu besprechen, hat nicht nur Spaß gemacht, sondern war enorm hilfreich.
Mit den Gedichten hat es Folgendes auf sich: Zu den Vier Jahreszeiten gibt es Sonette. Ob sie wirklich von Vivaldi stammen, ist nicht ganz geklärt, aber sie wurden im Erstdruck mit abgedruckt und gehören damit unmittelbar zum Werk. Sie erklären die Musik noch einmal. Die ist ja ohnehin sehr bildlich: Wenn man sich den Anfang des Frühlings in Erinnerung ruft, dieses erste Solo, dann hört man in den drei Geigen wirklich Vogelstimmen. Das ist noch keine Programmmusik, wie man sie später nannte, geht aber stark in diese Richtung, dass mit Musik Bilder gezeichnet werden. Das finde ich sehr spannend, weil es gerade einem Publikum, das nicht so viel klassische Musik hört, das Ganze noch eine Nummer näherbringt. Eine Ebene mehr, die man mitnehmen kann.
Für die Kamera war ich im Gespräch mit Apple, und die haben mir ans Herz gelegt, mich beim Münchner Director of Photography Carl Amadeus Hiller zu melden. Das war das Beste, was mir passieren konnte. Amadeus kennt sich hervorragend mit der neuen Blackmagic URSA Cine Immersive aus und hat die ganze Produktion von vorne bis hinten fantastisch begleitet. Diese Art von Erfahrung mit so einem neuen Produkt gibt es noch nicht oft, und dann noch gepaart mit einem Verständnis für Musik, da bin ich aus allen Wolken gefallen. Die Zusammenarbeit ist seitdem ganz fantastisch, und wir sind noch lange nicht am Ende.
Nach der Aufnahme war das Audio zwar in Dolby Atmos aufgenommen, aber noch längst nicht auf der Brille. Dafür waren wir in den MSM Studios in München, wo sich David Merkl unser angenommen hat. Das war ein großer Segen. Er hat das Dolby Atmos in das sogenannte APAC-Format gebracht, damit es auf der Brille abgespielt werden kann. Ich bin da kein Experte, deshalb sage ich lieber nicht mehr dazu. Aber es ist schon faszinierend, was für einen Aufwand wir bei der Tonaufnahme betrieben haben, um das dann über zwei kleine Lautsprecher an der Apple Vision Pro auszuspielen. Das hat fast etwas Lustiges. Aber bei aller Skepsis, die am Anfang beim Tonmeister, bei allen Beteiligten und natürlich auch bei mir da war: Das Audio überzeugt. Wir erreichen da einen ganz fantastischen Klang.
3 Was hast du gelernt, bei der Produktion und jetzt in den ersten Tagen nach der Eröffnung?
Bei der Produktion habe ich gelernt, dass man vieles, was man aus der 2D-Videografie kennt, eigentlich über Bord werfen muss. Da bin ich immer auf der Jagd nach schönen Perspektiven, um den Zuschauer richtig reinzuziehen. Beim nächsten Mal würde ich längst nicht mehr so viele verschiedene Perspektiven aufnehmen. Eigentlich reicht die Totale. Die ist natürlich keine Totale im klassischen Sinn, weil man durch das 180-Grad-Sichtfeld gar nicht so weit vom Ensemble weg ist. Aber sie ist meine Lieblingsperspektive, weil die Immersion erst dadurch entsteht, dass man selbst entscheiden kann, wo man hinschaut.
Wir haben ja historische Szenen gebaut, zum Beispiel eine Küche nach der Ernte, wenn die Bauern vom Feld kommen, so wie es in der Musik dargestellt wird. Da sitzt unser Ensemble in einer historischen Küche, arrangiert wie ein Stillleben. Man fühlt sich, als säße man mitten im Gemälde: Es wird Wein getrunken, da liegen angebissene Äpfel, und all diese Strukturen sieht man in der Brille so toll. Am schönsten ist es, einfach davor zu sein, sich umzuschauen und genau dahin zu gucken, wo man gerade will. Wenn ich dann einen Schnitt setze und näher an einen Protagonisten herangehe, hole ich meinen Zuschauer quasi aus der Immersion heraus. Er ist dann nicht mehr wirklich in der Szene, sondern wird geführt. Ich würde also so lange Takes und so wenige Schnitte wie möglich machen. Das ist eines meiner größten Learnings, und ich finde es wirklich spannend.

Auch seit der Eröffnung in Venedig habe ich viel gelernt: welche Nationalitäten sich am meisten für die Apple Vision Pro interessieren, wer Lust hat, in so eine barocke Welt einzutauchen, und wer auch bereit ist, dafür Geld auszugeben. Was ich sehr gern beobachte, ist dieses anfängliche Wohlwollen, gepaart mit einer gehörigen Portion Skepsis: Kann das überhaupt so gut klingen? Was erwartet mich da? Und dann bekommen wir ausschließlich überschwängliche Resonanz, nicht nur in den Online-Bewertungen, sondern auch im persönlichen Gespräch. Die Leute sind danach richtig berührt.
Trotzdem fühle ich mich mit diesem Format noch wie ein Pionier. Wir müssen als Team sehr viel erklären und die Leute überzeugen, dass das etwas anderes ist als das, was sie vielleicht vor fünf oder zehn Jahren mal auf einer Meta Quest gesehen haben. Die technischen Möglichkeiten haben sich enorm weiterentwickelt.

4 Wie kommt das Projekt bei den Besuchenden an?
Von Ticketing-Partnern habe ich gehört, dass deren Zielgruppe für VR-Experiences überraschenderweise bei 60 plus liegt. Ob ich das so unterschreiben kann, weiß ich nicht. Wir haben natürlich oft ältere Paare, die sich dafür interessieren. Ob das am kulturellen Inhalt liegt oder doch an der VR, kann ich nicht genau sagen.
An Reaktionen fällt mir vor allem ein kleines Mädchen bei der Eröffnung ein, vielleicht sechs oder acht Jahre alt. Die hat beim Zuschauen und Zuhören Geigenbewegungen mitgemacht, war völlig in dieser Welt drin und ist einfach darin aufgegangen. Es kommt auch immer wieder vor, dass Leute nach den einzelnen Stücken applaudieren. Diese Begeisterung zu sehen und zu merken, dass die Menschen wirklich das Gefühl haben, gerade dabei gewesen zu sein, ist eine der schönsten Sachen daran.
Gern erinnere ich mich auch an eine Gruppe junger Slowaken, vielleicht sieben Leute, so um die 18, 19 Jahre alt. Da dachte ich erst: Haben wir mit Vivaldi bei denen überhaupt eine Chance? Wir wissen ja alle, wie das in einer Gruppe junger Halbstarker ist, da gibt keiner gern zu, dass er so etwas toll findet. Sie haben sich dann aber für die Experience entschieden und waren danach so wertschätzend und so geflasht, das war richtig toll. Da dachte ich: Genau dafür ist es eigentlich da. Nicht nur, um den Leuten technisch eine gute Zeit zu bieten, sondern um sie wirklich abzuholen, mit einem Thema, mit dem sie im Alltag vielleicht nicht so oft in Berührung kommen.



5 Was hast du weiter damit vor?
Das Projekt ist noch lange nicht am Ende, ich möchte es weiter ausbauen. Ich merke, dass es schwer ist, eine reine VR-Experience Leuten zu erklären und am Ende auch zu verkaufen, die kurz davorstehen und sich nichts darunter vorstellen können. Deshalb möchte ich das Ganze erweitern, zum Beispiel mit großflächigen Projektionen und einem Dolby-Surround-System, sodass man verschiedene Arten von Immersion zeigt. Wir kennen ja alle die immersiven Ausstellungen, die es inzwischen gibt, etwa zu Van Gogh. Diese Ebene möchte ich mit hineinbringen, weil sie selbsterklärend ist: Du kommst in den Raum, du siehst die Projektionen, da muss man nicht viel sagen.
Darin liegt eine große Chance, auch weil wir in der Experience jetzt nur 20 Minuten zeigen. Das hat Apple so empfohlen, und ich halte es für richtig. Die Apple Vision Pro ist zum einen schwer, und zum anderen ist sie für die Sinne sehr fordernd. Wer das nicht gewohnt ist, und das sind würde ich sagen 99 Prozent der Besucher, dessen Sinne sind nach 20 Minuten gesättigt, und dann ist es gut. Wir haben aber Material von den kompletten Vier Jahreszeiten, mit so vielen tollen musikalischen Momenten, die wir noch gar nicht gezeigt haben. Die möchte ich natürlich auch nutzen.
Das passiert erst einmal in Venedig, aber es gibt schon konkrete Pläne, das Ganze nach Deutschland zu holen, gewissermaßen als Wanderausstellung. Und wir wollen es für andere öffnen. Wir haben so viel Zeit investiert, das komplette Paket zu bauen: die Software, also in welcher App wir das abspielen, damit man die Brille nicht lange einstellen muss, dann die Hardware, aber auch die Sessel. Der Ball Chair ist für mich eine fantastische Sache, weil er einen abschirmt und den Bassfrequenzen noch etwas mehr Tiefe gibt.

Und die Halterungen dafür haben wir selbst entwickelt, designt und zum Teil auch selbst produziert. Das möchte ich in Pakete schnüren, sodass zum Beispiel Festivals für klassische Musik es ihrem Publikum als Alternative zwischen den Konzerten anbieten können. Das Gute ist: Es steht einfach da, ist on demand sofort verfügbar, und ich glaube, das ist für ganz viele verschiedene Menschen interessant.

Fotos: Dennis Spangenmacher

