Fünf Fragen an den Jäger und Ausbilder Simon Deffner zu seiner Praxis mit dem VR-Jagdsimulator. Simon Deffner ist Jäger und Ausbilder im Jagdkurs in der Jägervereinigung Ansbach - Und er nutzt seit einem guten halben Jahr den Jagdsimulator in VR der Firma Gaim.

Dieses Einsatzgebiet von VR finden wir spannend und sicher gibt es auch Jäger:innen unter Euch?


1 Simon, Du bist Jäger und verwendest Virtual Reality. Bitte erklär zunächst den weniger jagderfahrenen Menschen, worauf es bei der Jagd grundsätzlich ankommt und in welcher Weise VR für Dich dabei relevant ist. Was ist der Unterschied zwischen Tontaubenschiessen, Sportschiessen und Jagd, den Varianten, die der Simulator bietet? Was kannst Du mit VR trainieren? Integrierst Du auch ein reales Gewehr/ eines der käuflichen Simulator-Gewehre?

Das eigentliche Schießen ist bei der Jagd ist der zeitlich kleinste Teil – dann aber der entscheidende Faktor.
Im Gegensatz zum Sportschießen (ob Tontauben oder auf Zielscheiben) dient die Jagd dem Erlegen von Wild – wir schießen auf Lebewesen.
Deshalb ist es wichtig, dass der Schütze/Jäger sicher trifft, um das Wild schnellstmöglich und stressfrei ‚zur Strecke zu bringen‘.

Die Simulation bildet die Realität sehr gut ab.
Beim Sportlichen- und beim Tontauben-Schießen sind die Ziele und Flugbahnen/-Richtungen vorher bekannt.


Ich nutze den Simulator-Schaft („das Gewehr“) – das ist meiner Meinung nach der Schlüsselfaktor für ein realitätsnahe Simulation.
Man kann zwar auch mit den beiden  VR-Controllern das Programm ausprobieren, aber die Haptik und das Gefühl, wenn man mit dem Simulatorschaft ‚in den Anschlag‘ geht (das ‚Gewehr‘ in die Schulter nimmt) ist identisch mit der Hand-Auge-Koordination der Realität. Die ‚Pistole‘ nutze ich für das Training von dynamischen Sportdisziplinen. Das ‚AR-15‘ habe ich auch – nutze es allerdings nicht, da die VR-Brille anscheinend nur zwei Abzugskontroller gleichzeitig erkennt. Beim AR-15 hätte ich mir gewünscht, dass mit Standardschnittstellen das eigene Gewehr durch Anbauteile wie Vordergriff „nachgebaut“ werden könnte, um die Haptik identisch zu haben.


Es gibt mittlerweile auch einen Umbausatz für ein reales Gewehrmodell (Blaser R8). Da ich diese Waffe nicht besitze, habe ich diese Option nicht gekauft.


2 Welche Jagd auf welche Tiere praktizierst Du damit?
Ist so ein Simulator für einen Profi sinnvoll und was kannst Du damit üben? 

Die VR-Anwendung stammt aus Schweden und beinhaltet verschiedene Szenarien.
Ich verwende hauptsächlich die Simulation der Wildschwein-Jagd (Drückjagd im Wald oder Jagd am Maisfeld).
(Ich nutze aber auch die Simulation zum Sportschießen von dynamischen Disziplinen als Sportschütze.)
Den größten Vorteil der VR sehe ich in der 360° Umgebung – wie auf der Jagd – es kann aus allen Richtungen Wild kommen.
Auch die Unterscheidung der verschiedenen Tiere (Keiler, Bache, Überläufer, Frischlinge) ist hervorragend – der Jäger muss genau wissen worauf er schießt.
Das Programm vergibt auch Strafen, wenn z.B. eine Bache mit Frischlingen geschossen wird, oder in Richtung Mitjäger (Hochsitz) oder Hund geschossen wird.
In der Auswertung unterscheidet GAIM zwischen fünf Altersklassen und Geschlecht der Wildschweine und simuliert die vitalen Organe. (Herz, Lunge, Gehirn, Rückenmark)
Dadurch wertet das Programm hier sehr genau aus, ob man einen tödlichen Treffer oder nur eine Verwundung erzielt hat.

Es ist eine sehr gute Trainingsmöglichkeit, ersetzt aber nicht das Training mit dem „richtigen Schuss“.
Im "Schießkino" als andere bestehende Möglichkeit, virtuell zu üben, wird mit den eigenen Waffen und „richtiger“ Munition auf die Leinwand geschossen. Kameras erkennen die Löcher im Papier und zeigen die Treffpunkte nach der Sequenz an. Dabei ist alles real: Waffenhandhabung, Rückstoß, Mündungsblitz und Knall. Je nach Schießkino ist die Leinwand ca. 10m breit und 2,5m hoch. Nachteil: Kinomiete und Munitionskosten.


3. Du bist auch Ausbilder für den Nachwuchs in Ansbach. Kannst Du Dauer und Inhalt der Ausbildung kurz portraitieren? Welche Simulationen nutzt Ihr im Moment? Haben die Jagd Azubis den VR Jagdsimulator schon mal probiert? Was wäre beim Nutzen eines VR Simulators als offizielles Ausbildungstool anders als an der bisher genutzten Simulation?

Für die Jagdausbildung sind keine Vorkenntnisse nötig – Bei uns ist die Ausbildung berufsbegleitend – Abends und Samstags – und es dauert von März bis November.
In der Ausbildung und Prüfung gibt es sechs Fachgebiete:


1. Waffen
2. Wildbiologie
3. Jagd- und Waffenrecht
4. Wildhege, Jagdbetrieb und Jagdliche Praxis
5. Jagdhundewesen
6. Naturschutz, Landbau und Forstwesen

Fachgebiet 1. ist mein Themenbereich der Ausbildung - "Waffentechnik, Munition und Optik" – sowie in der Praxis das Schießen mit Gewehr und Kurzwaffen.

Wir nutzen aktuell ein Laser-Schießkino zur Tontauben-Simulation und Schießkino mit Realfilmsequenzen.
Dabei wird mit Beamer und Leinwand das Bild erzeugt und mit „Laserwaffen“ (umgebaute Waffen die ähnlich wie ein Laserpointer bei Betätigung des Abzugs für kurze Zeit einen Lichtpunkt auf die Leinwand projiziert) auf die Leinwand „geschossen“. Eine IR-Kamera erkennt den Leuchtpunkt und zeigt danach den Treffer im Standbild an.

In der laufenden Ausbildung habe ich die VR-Brille noch nicht verwendet, da nach der Ausbildungordnung auf „Realfilmsequenzen“ geschossen werden muss. Reine Simulation sind nach bayerischem Recht noch nicht anerkannt.

Ich finde den VR-Simulator fast besser geeignet als das Laserschießkino, das nur einen Treffpunkt auf dem Standbild anzeigt. Beim GAIM kann der 3D Schussverlauf durch das Tier angezeigt werden (mit Auswertung der Organtreffer)
Der Vorteil beim Laserschießkino ist, dass man noch eine reale (umgebaute) Waffe hat – und damit die Möglichkeit, der korrekten realistischen Handhabung (Schaftform,Verschluss, Sicherung, Visierung)

Weitere Infos:

Jägervereinigung Ansbach u. Umgebung: www.jaeger-an.de

Bayerisches Landesamt für Maß und Gewicht: www.lmg.bayern.de/aufgaben_leistungen/jaegerpruefung/index.html

4. Kennst Du andere Jäger:innen und oder Ausbilder:innen, die ebenfalls ein Headset und einen Jagdsimulator nutzen?

Ja ich kennen einige, die sich für diese Anwendung VR-Brille und GAIM-Paket angeschafft haben. Aktuell kenne ich aber keinen Ausbilderkollegen, der auch mit VR-Brille Jagdsimulationen trainiert.


5 Was denkst Du, wie Du den Simulator in Zukunft nutzen wirst?

Kann man damit gezielt eigene Schwächen bearbeiten und sich für die Realität verbessern?
Gibt es auch Multiplayer Modus, so dass Ihr gemeinsam in VR auf Jagd gehen könnt?

Willst Du Dir Erweiterungen dazu besorgen oder kann man selber Erweiterungen bauen, etwa für in Bayern übliche Gewehrtypen?

Denkst Du, die VR Praxis wird offiziell Einzug in die Jagdausbildung finden?

Es ist wie mit allem Neuen - am Anfang nutzt man es häufiger. Es lag zwischenzeitlich mal ein paar Wochen ungenutzt im Schrank. Aber vor der Raps- und Maisernte habe ich mich wieder aktiv damit vorbereitet.

Das Training kann jederzeit zuhause starten, auch wenn man mal nur 10 Minuten Zeit hat.  Zum Schießkino muss man im Vergleich von uns aus immer mindestens eine Stunde fahren (Würzburg/Ulm/Schweinfurt/Fulda) und kostet ca, 150 -170 € / Std plus Munition.

Die „Multiplayer“-Funktion habe ich bisher nur einmal kurz ausprobiert. Ich habe meinen Kollegen nicht gesehen, da er auf der anderen Seite des Maisfelds stand. Wildschweine, die quer zu mir liefen und von ihm erlegt wurden konnte ich sehen.

An dem Tag haben wir noch verschieden andere Anwendungen ausprobiert, hatten aber Verbindung-/Netzwerkprobleme – deshalb habe ich hier noch nicht alle Funktionen ausprobiert.

Ich habe vor, als Erweiterung auf dem Simulatorschaft 3D gedruckte Teile als Erweiterung zu bauen: Den Verschluss des Repetiergewehrs, das man nach jedem Schuss per Hand nachladen muss. Eine Rückmeldung/Steuerung in die Software kann ich natürlich nicht implementieren, aber die nötigen Bewegungen (Hand betätigt Verschlussmechanismus) können in den Ablauf integriert werden.

Ich habe bei GAIM schon angeregt, ob verschiede physikalische Faktoren in der Software ausgewählt werden könnten.

Unterschiedliche Kaliber und Munitionsarten erzeugen verschiedene (Mündungs-) Geschwindigkeiten der Geschosse – und dadurch muss man unterschiedlich weit „vorhalten“. Das wird im Programm aktuell nicht unterschieden.

Bilder von der Firma GAIM bzw Screenshots öffentlicher Videos von GAIM