Feuilleton

Leben wir in einer Scheinwelt?


Wie mir eine Recherche in der virtuellen Realität und im echten Leben meiner virtuellen Freunde gezeigt hat, wie relativ unsere Idee der scheinbar exklusiven Realität ist. Von Eva Wolfangel

Ich fühle die Sonne auf meiner Haut, und sie fühlt sich warm an. Obwohl es mitten in der Nacht ist. Kann das sein? Als ich im Sommer 2016 zum ersten Mal in die virtuelle Realität reise, staune ich. Und viele dieser „Kann das sein?“-Fragen werden mich durch diese Recherche begleiten, bis heute. Zunächst wirkt vieles vertraut, wie in der echten Welt: Ich stehe in der Abendsonne unter einem Baum. Die Blätter zeichnen ein Muster auf den Boden. Ich höre das Gemurmel von Menschen, die aussehen wie Roboter, aber klingen wie Menschen. Der Himmel ist unglaublich tief.

Eigentlich steht mein Körper in meinem Wohnzimmer und doch bin ich ganz woanders. Ich habe mir ein klobiges Headset über den Kopf gestülpt, dicke Kopfhörer dazu, und befinde mich plötzlich in dieser anderen Welt. Sie heißt „Altspace VR“, diese Welt, und es ist ein sozialer Treffpunkt in der Virtuellen Realität. Hier geht es nicht um Spiele, sondern um das Soziale. Es gibt zu dieser Zeit drei oder vier ähnliche Treffpunkte dieser Art in der Virtuellen Welt.

Ich schaue mich erstaunt um und kann kaum glauben, wie real das alles wirkt. Mein Gehirn sagt mir, das ist die Realität. Du bist wirklich hier. Noch weiß ich nicht, wie sehr diese Recherche mein Leben verändern und mich in Realitäten führen wird, in das echte Leben anderer Menschen, die auf mich irrealer wirken als all das hier.

Und das hier soll also eine einzige große Täuschung sein, wie in Matrix? In dem Film findet das Leben in einer Parallelwelt statt, die es eigentlich gar nicht gibt. Sie ist eine Einbildung des Gehirns. Die Menschen in Matrix wissen das nicht – eben, weil sich diese Parallelwelt so real anfühlt. Doch sie existiert nur in ihrem Gehirn.

Die Welt, in der ich mich gerade befinde, gibt es eigentlich auch nicht, doch das muss ich mir schon bewusst einreden, als ich an diesem Tag die Feierabendstimmung genieße.

Manche Forscher sagen: Mit der virtuellen Realität haben wir erstmals im Laufe der Menschheit die Möglichkeit, uns zwischen mehreren Realitäten zu entscheiden – jenseits von Phantasiereisen, Wahnvorstellungen oder Drogentrips. „Die virtuelle Realität ist genauso real wie die physische Welt“, sagt der Philosoph David Chalmers. Der Philosoph beschäftigt sich seit Jahren mit dem Bewusstsein und der Frage, wie echt die echte Realität ist.

Woher wissen wir, dass die Welt um uns herum nicht nur eine Simulation ist? Darüber streiten Philosophen nicht erst seit René Descartes‘ Gedankenexperiment im 17. Jahrhundert, als er fragte: Woher können wir wissen, dass uns nicht ein böser Dämon steuert, der die Welt um uns herum bloß echt erscheinen lässt?

Die virtuelle Realität zwingt uns dazu, uns erneut mit dieser Frage zu beschäftigen. Die Immersion, das Gefühl des totalen Eingetauchtseins, ist so hoch, dass Zweifel aufkommen, ob es überhaupt relevante Unterschiede gibt zur echten Welt. Chalmers sagt ganz klar „Nein“: „Die virtuelle Realität ist keine Zweite-Klasse-Realität.“ Sie steht der echten in nichts nach.

Das kann auch negative Folgen haben, wie ich an meinem ersten Tag in der anderen Realität merke. Ich stehe wie angewurzelt auf dem virtuellen Boden, als ein großer roter Mann auf mich zukommt, viel zu dicht. Ich kann nicht ausweichen, denn hinter mir geht es eine Treppe hinunter. Er greift mir an die Brust und lacht dreckig. Ich bin erstarrt. Ich weiß, es ist „nur ein Avatar“. Er hat mich nicht wirklich berührt. Wenn ich aber in der virtuellen Realität an mir hinunterschaue, sehe ich die fremde Hand dieses Mannes, und frage mich: Was ist real?

Diese Schlüsselerfahrung lässt mich auf unangenehme Weise spüren: Diese virtuelle Realität ist viel realer als ihr Name vermuten lässt. Sie mag nicht materiell sein, aber sie ist real. Von Begegnungen im Internet, von Chats, von Computerspielen ist es ein Quantensprung zur virtuellen Realität. Hier bin ich mittendrin und nicht nur auf einem zweidimensionalen Bildschirm dabei. Die Erfahrungen hier gehen nah, sehr nah. Ich frage andere Frauen, und ich recherchiere und finde heraus: sexuelle Belästigung in der virtuellen Realität ist ein häufiges Phänomen.

Als mich zum ersten Mal jemand in der virtuellen Realität umarmt, spüre ich das wie ein feines Kribbeln am Rücken. Das kann doch gar nicht sein! Oder doch?

Um das zu erfahren, besuche ich Thomas Metzinger, Philosoph an der Universität Mainz. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie real unsere Realität ist. Er zeigt auf das rote Sofa in der Ecke seines Büros. „Ist das real?“, fragt er. Er wartet – und schüttelt den Kopf. „Dieses Rot des Sofas, das sind Eigenschaften eines Modells in unserem Gehirn.“ Das Rot entsteht bei jedem Einzelnen im Kopf. Was wir direkt und unvermittelt erleben, ist weit weniger real als wir denken. „Dass sich etwas real anfühlt, bedeutet, dass das Gehirn ein Modell erzeugt mit hoher Vorhersagegenauigkeit“ sagt Metzinger. Wir treten unter den Kegel einer Lampe und sehen nun alles heller – wie erwartet. Wir hören Menschen von weitem und je näher sie kommen, desto lauter werden ihre Stimmen. Ich setze mich auf das rote Sofa, und es ist weich. Es fühlt sich genau so an, wie ich es erwartet habe. Also muss es echt sein.

Ähnlich geschieht es mit dem Modell unseres Selbst, erklärt Metzinger: „Das Gefühl, man selbst zu sein, ist nach meiner Theorie eine Simulation des Gehirns, ein inneres Modell mit vielen Schichten.“  Das Gehirn, sagt Metzinger, berechne aus allen Informationen, die ihm zur Verfügung stehen, was die beste Hypothese ist, die wahrscheinlichste Variante der Wirklichkeit. Diese präsentiert es uns als Realität. „Wenn wir es geschickt anstellen, ist es durchaus möglich, dass Sie glauben, Sie seien in einem anderen Körper.“

Bereits 2007 haben Metzinger und seine Kollegen Probanden während eines Experiments in einen virtuellen Körper versetzt: Damals erzeugten sie ein Bild des Probanden von hinten. Durch eine Virtual-Reality-Brille erschien es dem Probanden, als stünde er zwei Meter hinter dem Bild. Dann streichelten die Forscher den Teilnehmer am Rücken. Gleichzeitig sah der Proband, wie der virtuelle Körper vor ihm ebenfalls gestreichelt wurde. „Dadurch beginnt das Gehirn zu glauben, dass der Eigenkörper-Avatar irgendwie zum eigenen Körper gehört.“

Thomas Metzinger spricht von einem „Mythos der Echtheit“, der unserer scheinbar realen Welt anhängt. „Unsere reale Welt ist natürlich nicht echt, sondern völlig verzerrt.“ Das spreche nicht dagegen, dass es physische Körper und die Außenwelt gibt. Aber es stelle den Anspruch in Frage, dass unsere materielle Realität die einzige Wirklichkeit ist.

Wenn ich das Headset aufsetze, bleibt mein Körper zwar in meinem kleinen dunklen Arbeitszimmer. Mein Bewusstsein aber wird in eine andere Welt gebeamt. An einem Tag beispielsweise in Sanas Raum: sie nennt ihn „Time Machine“, an den Wänden hat sie traurige Gedichte, und in einer Ecke ist ein offener Kamin. Ich spüre die Wärme des Kaminfeuers, und ich höre die Wärme in Sanas Stimme. Sie klingt traurig, aber ich weiß nicht wieso.

Wir philosophieren nächtelang, ich, die deutsche Wissenschaftsjournalistin und sie, die Witwe aus Kuwait, eine streng gläubige Muslimin. In diesen Momenten bin ich wirklich dort. Ich genieße diese Abende mit Sana, denn ich mag sie und wir lernen so viel voneinander. Hätten wir uns je getroffen im so genannten echten Leben? Vermutlich nicht.

Mir wird klar: Diese Parallelwelt, in die ich immer tiefer eintauche, ist ebenso mein echtes Leben wie die materielle Variante, die die meisten von uns als Realität bezeichnen. Sie verändert mein reales Leben. Die Melancholie nach einem nachdenklichen VR-Abend mit Sana mischt sich in meine realen nächsten Tage. Ich mache mir Sorgen um sie, wenn sie sich besonders traurig verabschiedet hat und ich spüre die Wärme unserer Begegnung noch am nächsten Tag.

Wie kann es sein, dass es eine Welt einerseits nicht gibt, die dortigen Begegnungen aber ganz reale Gefühle auslösen? Ich will das alles genauer wissen und ziehe ein in diese Realität. Jede freie Minute setze ich das Headset auf und die Kopfhörer, mein Bewusstsein verabschiedet sich aus der realen Welt.

Manchmal ist das ein wenig atemlos. Ich werde wieder zum Kind und finde täglich neue Spielkameraden: Wir erkunden die vielen verschiedenen Räume in Altspace, wir beamen und fliegen, irren durch ein Labyrinth und kämpfen Schwertkämpfe, die auch in echt den ganzen Körper beanspruchen: Wenn ich ein Schwert in der Taverne schwinge, schwinge ich auch in Wirklichkeit in meinem Arbeitszimmer meinen Arm mit dem Controller. Durchbricht ein anderer Kämpfer meine Deckung, ducke ich mich weg und kauere auf dem Zimmerboden, der für mich gerade aus den knarzenden Holzbrettern der Taverne besteht. Zum Glück schaut grad keiner zu in dieser echten Welt, denke ich manchmal.

Einmal stehe ich auf einem Felsen, vor meinen Füßen geht es hunderte Meter in die Tiefe. Ich drehe vorsichtig den Kopf: Hinter mir ist Fels, es gibt keine Fluchtmöglichkeit. Ich zittere, kann meine Beine nicht bewegen. Kurz denke ich an diese andere Welt, in der ich auf einem soliden Fußboden stehe. Der Gedanke beruhigt mich nicht. Der Blick vom Felsen fühlt sich echter an. Ich erstarre. Mein Körper signalisiert mir: Gefahr.

Das, was meine Höhenangst auslöst, nennen Forscher „place illusion“. Das Gefühl, real vor Ort zu sein, hängt nicht an einer möglichst perfekten Grafik. Selbst wenn der Ort, an dem ich mich befinde, nicht echt aussieht, ergänzt mein Gehirn alles was fehlt, damit es perfekt ist. So empfinde ich selbst einen unecht aussehenden Ort als echt. Dass die Avatare bei Altspace eher wie Roboter aussehen, stört nicht. Im Gegenteil, es erleichtert es dem Gehirn sogar, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Die Interaktion ist wichtig für das Hier-Gefühl.

Das bestätigen erste Studien: Keisuke Suzuki vom Sackler Centre for Consciousness Science der University of Sussex ließ Nutzer verschiedene virtuelle Welten ausprobieren und fand heraus: „Sobald ich mit Menschen oder Dingen interagieren kann, fühlt es sich echt an.“ Denn dann kann unser Gehirn seine Hypothesen überprüfen, etwa ob es heller wird, wenn ich näher an die Lampe gehe oder ob die Menschen, die ich in der Ferne sehe, größer werden, wenn ich auf sie zugehe und ihre Stimmen lauter. „Das Gehirn will eine kohärente Geschichte.“

Gleichzeitig bietet genau das, was mich hier an meine Grenzen bringt – obwohl ich im echten Leben nicht besonders ängstlich bin – für andere Menschen große Chancen: Angststörungen aller Art könnten in Zukunft in der virtuellen Realität therapiert werden. Und eine meiner virtuellen Bekanntschaften hat ihre eigene Therapie gestartet: Crystal hat Sozialphobie im echten Leben, doch in der virtuellen Realität ist sie eine der am meisten vernetzten Personen, die ich je getroffen habe. Jeder kennt sie, und sie organisiert die besten Parties: 48 Stunden lang feiert sie mit allen, die Lust haben. Es muss so lang sein, wegen der vielen Zeitzonen, sagt sie mir. Und nein, sie habe kein Problem damit, Menschen virtuell nahe zu kommen – es ist viel einfacher für sie als das echte Leben. Damit sich jeder ihrer Partygäste auch einmal ausruhen kann, hat sie einen virtuellen Campingplatz gebaut mit einem Sternenhimmel, der mich staunen lässt. Manche schlafen hier tatsächlich ein paar Stunden während der Parties, um dann weiter zu feiern.

Je mehr Zeit ich in der virtuellen Welt verbringe, umso mehr kommen die Zweifel. Es sind die Zweifel meiner Freunde und Familie. „Du verbringst so viel Zeit in dieser virtuellen Realität, du kennst doch diese Menschen gar nicht.“ „Woher willst du wissen, dass sie dich nicht anlügen? Dass sie nicht ganz anders sind, als sie vorgeben?“ Ich werde trotzig. Natürlich kenne ich sie. Ich höre ihre Stimme, ich sehe ihre Gestik, wir haben nächtelang geredet – ich bin doch nicht naiv!

Ich beschließe, das zu beweisen. „Sana, ich komme dich besuchen, im echten Leben!“ Aber meine Freundin ist gar nicht begeistert. Sie weicht aus, taucht tagelang nicht auf. Es dauert, bis ich sie überzeugt habe – dann buche ich schnell einen Flug nach Kuwait, wo wir uns einige Tage später in einer Hotellobby unter schwer ratternden Klimaanlagen im Arm liegen. Und es ist alles wie in der virtuellen Realität.  Ihre Stimme,. Ihre Gestik. Ich spüre ihren warmen Körper. Sie sieht fremd aus mit ihrem Kopftuch und ist gleichzeitig so vertraut,.

In Kuwait-City muss ich oft daran denken, wie wichtig diese neuen Realitäten für Menschen wie Sana sind. Sana sagt, sie darf sich aufgrund ihrer Religion nicht mit Männern treffen. Zudem hat sie das Gefühl, nicht in diese Welt zu gehören. Ich spüre das bei meinem Besuch: sie will mir Kuwait City zeigen, doch wir verfahren uns ständig. Sie verweigert sich dieser Realität, indem sie normalerweise das Haus nicht verlässt. Doch nun ist da diese Besucherin, und sie fühlt sich verpflichtet, ihr ihre Heimatstadt zu zeigen. „Ich gehöre hier nicht hin“, sagt sie dann. Das sei anders in der Virtuellen Realität. Dort fühlt sie sich zu Hause.

Diese Einsamkeit wird noch deutlicher, als wir vor einer Tafel für die gefallenen Helden des Irak-Krieges stehen, darauf das Foto eines schmalen jungen Mannes, Sanas Mann. Er hat gegen Saddam Hussein gekämpft und ist gefallen. „Ich vermisse ihn so sehr“, sagt Sana. Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll. Ich schäme mich für mein aufgeräumtes Leben.

Am Flughafen frage ich beim Abschied: „Sana, wieso wolltest du nicht, dass ich komme?“ „Ich habe keine Freunde im echten Leben, und ich hatte Angst, was passiert, wenn du nun in mein echtes Leben kommst.“

Zurück in meinem echten Leben und damit auch in Reichweite meines VR-Headsets und der Konkurrenz-Realität lerne ich Cattz kennen. Er ist ein Macker, hat derbe Sprüche auf Lager, Sana hält ihn für einen Flegel. Cattz, der stets von seinen drei Ex-Frauen, seinen fünf Kindern und seiner tödlichen Krankheit erzählt.  Aber mit ihm kann man Spaß haben. Er ist extrem hilfsbereit und zeigt mir alle Tricks in verschiedenen virtuellen Welten. Wir steuern gemeinsam ein Raumschiff und baden in virtuellen Pools.

Spätere feiere ich die Verlobung von Ben und Shoo. Die beiden haben sich in der virtuellen Realität kennen und lieben gelernt. Ben hat seiner Liebsten ein ganzes virtuelles Haus gebaut, im Erdgeschoss eine Bar, auf dem Tresen eine Torte, im ersten Stock ein romantisches Ehebett mit dunkelroter Satin-Bettwäsche und einer warm leuchtende Nachttisch-Lampe.

Ich treffe Ben schließlich in Atlanta, seine Stimmung ist geknickt, denn er hat seine Verlobte kürzlich erstmals im echten Leben in London besucht. Nein, sie sei ihm überhaupt nicht fremd gewesen, aber ihm ist in den langen Stunden im Flugzeug über den Wolken klar geworden, dass er eine Fernbeziehung führt. Im kuscheligen gemeinsamen Haus in der virtuellen Realität war von dieser Entfernung nichts zu spüren. Er sagt: „Reality sucks.“

„Ich sehe nicht, wieso man in einer virtuellen Umwelt nicht ein ebenso erfüllendes und sinnhaftes Leben führen können sollte, wie in der Realität“, sagt der Philosoph David Chalmers. Noch fehlten einige Aspekte des echten Lebens, manche Dinge wie Sex, Hunger, Geburt oder Tod ließen sich vielleicht nicht übertragen, „aber gib dem ein paar Jahre, dann haben wir zumindest eine Matrix-artige VR, die kaum unterscheidbar ist von unserer Art Realität.“ Und für manche könnte sie vielleicht sogar besser sein, sagt der Mainzer Thomas Metzinger: „Es ist ja nicht so, dass das, was wir jetzt haben, besonders gut funktioniert.“

Wie viel besser das Virtuelle für manche ist, lerne ich, als ich Cattz besuchen will. Er scheint auf einmal wie vom Erdboden verschluckt, als ich ihn treffen will. Die virtuelle Welt hat ihn schon für tot erklärt, seit drei Monaten ist nicht aufgetaucht.

Ich finde ihn schließlich nach mühsamer digitaler Kontaktsuche in Spokane in Washington, an einem Ort, der trostloser kaum sein kann. Amerikanisches Hinterland, zwischen Malls und Taco Bell. Cattz liegt in einem vermüllten Haus vor sich hinvegetierend auf einer fleckigen Matratze, nichts als Toastbrot, Cola und Herztabletten zu sich nehmend. Es ist das erste Mal, dass ich diese Recherche verfluche. Was suche ich hier im echten Leben meiner virtuellen Freunde? Cattz‘ echtes Leben ist so wenig Leben, dass es mir viel irrealer erscheint als seine flippige, lustige bisweilen etwas ruppige Art in VR.

Er ist schwer hoch zu bekommen von dieser Matratze. Mühsam rekonstruiere ich, was geschehen ist: Sein Haus ist abgebrannt, er hat nichts mehr, keine Bleibe, kein Headset. Er ist Monate durch die USA getrampt auf der Suche nach seinem Leben.

Aber die Realität ist nicht seine Realität. Er will hier nicht sein. Nach Wochen als Obdachloser hat er sich schließlich dieses Kellerloch gemietet. Er kann sich nichts anderes leisten als Frührentner. Auf den Straßen von Spokane wird mir klar, wie wichtig die virtuelle Realität für ihn war. Sein eigentliches Leben ist in der anderen Realität. Aber die hat ihn ausgespuckt. Er wird lange sparen müssen, bis er sich ein neues Headset leisten und heimkehren kann.

Mir ist in dieser Recherche nicht nur klar geworden, wie relativ der Begriff Realität ist, sondern auch das Potenzial dieser neuen Realitäten. Mich hat die Virtuelle Realität aus meiner Filterblase gerissen. Ich habe Menschen getroffen, die ich in der materiellen Realität vermutlich nie getroffen hätte. Und ich habe eine ähnliche Reise gemacht wie mein Protagonist Ben: Ich habe mich Menschen nahe gefühlt, ich bin wochenlang mit ihnen in einem Raum abgehangen – und erst bei meiner langen Reise nach Kuwait, Israel und in die USA ist mir klar geworden, wie weit diese Menschen „in Wirklichkeit“ entfernt sind. Und dass uns diese Distanz nicht hindern muss. In VR verschwindet sie.

Dieses Thema hat mich seither nicht los gelassen. Ich habe Cattz und Sana seither immer wieder in VR getroffen – es bleibt unser Medium. Und als Journalistin kann ich nicht anders als in diesem Medium große Chancen für unsere Branche zu sehen. An einem solchen Projekt arbeite ich gerade als Knight Science Journalism Fellow am MIT. Denn ich finde, gerade wir JournalistInnen und KommunikatorInnen müssen dringend kreativer werden, was den Einsatz von VR angeht. Schließlich bietet VR weit mehr als 3-D-Filme, in denen – seien wir mal ehrlich – meist doch nur eine Perspektive interessant ist. Und auch singuläre Erlebnisse in VR finde ich nutzen das volle Potential nicht aus. Wieso soll unser Publikum stumm und meist passiv Dinge betrachten, wenn es auch sozial und interaktiv geht?

Pädagogische Forschung zeigt, dass wir Dinge besser und nachhaltiger verstehen und lernen, wenn wir sie uns gemeinsam und interaktiv erarbeiten. Es gibt bereits erste Bildungsprojekte in der sozialen virtuellen Realität, viele jedoch bauen klassische Klassenzimmer nach. Das nutzt die Vorteile des Mediums keineswegs aus! Bildung in VR muss kein Frontalunterricht sein. Im Gegenteil. Meine Idee ist, gemeinsam mit meinem Publikum einen Experten einzuladen, sagen wir, einen Quantenphysiker oder einen Hirnforscher. Wir treffen uns in einem social VR space und haben dreidimensionale Modelle dabei (die wir vorher kreiert haben): ein Atom, Schrödingers Katze oder das menschliche Gehirn. Während ich als Journalistin den Experten interviewe, können wir gemeinsam mit dem Atom, mit Schrödingers Katze oder durch das Gehirn reisen und es erkunden.

Und da ist noch was: VR hat mich aus meiner Filterblase gerissen. Die Technologie macht offen für neue Menschen und neue Themen. Ich habe viele Menschen getroffen, die durchaus skeptisch sind gegenüber Journalisten, und die erstaunlich offen waren. Ich habe viele Fragen beantwortet, und ich habe viele Fragen gestellt. Das hat uns gemeinsam weiter gebracht. Das ist meines Wissens noch nicht erforscht, dazu habe ich nur anekdotische Evidenz: meine Erfahrungen und die meiner virtuellen Freundinnen. Doch viele haben mir bestätigt, dass sie mit Menschen gesprochen haben, mit denen sie im echten Leben nicht in Kontakt kämen oder denen sie durchaus skeptisch gegenüber stehen.

Journalistische Forschung und Erfahrung zeigt noch etwas: Das einzige, was zuverlässig hilft in der gegenwärtigen Vertrauenskrise gegenüber Medien sind persönliche Treffen. Viele Verlage haben aufwendige Dialog-Prozesse mit Lesern geschaffen. In VR können wir uns persönlich treffen, ohne weite Reisen zu machen. Ohne zu fliegen, ohne die Umwelt zu verpesten. Sogar ohne Viren zu übertragen. Und nach den ersten Erfahrungen im „Remote Learning“ in Harvard und am MIT angesichts der Corona-Krise ist eines sicher: alles hilft, was das diesem Lernen zu „echter Räumlichkeit“ verleiht und zu dem Gefühl, sich wirklich zu treffen, macht digitales Lernen und Kommunikation über Distanz erfolgreicher.

Wir sollten durchaus optimistisch sein, was die Virtuelle Realität betrifft.

Ein weiterer Artikel von Eva Wolfnagel zum Thema Virtuelle Realität

Schöne neue Zoom-​Welt?

In Zeiten von Social Distancing behelfen wir uns häufig mit Videokonferenzen. Dabei ginge es so viel schöner in der Virtuellen Realität.

via riffeporter.de

Über den Autor

Geschrieben von:

Die freie Wissenschafts- und Reportagejournalistin Eva Wolfangel schreibt über Zukunftstechnologien und andere Themen für Medien wie GEO, Die ZEIT, Spiegel, Spektrum der Wissenschaft und viele andere. Als Knight Science Journalism Fellow am MIT arbeitet sie gerade an einem journalistischen Format in der sozialen virtuellen Realität. Twitter: @evawolfangel

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