Kunst & Kultur

Fünf Fragen an Marco Aulbach und Leonie Wolf


GRIPS theatAR

Das GRIPS Theater in Berlin hat sich im Rahmen des Forschungsprojekts „GRIPS theatAR“ mit der Frage auseinandergesetzt, welche Verbindungen Theater und AR eingehen können.

Hierfür kam ein Team von rund 20 Expert:innen aus den Bereichen Theater und Game Design zusammen. Die Ergebnisse des Projekts werden in Form einer Toolkit-App, deren Beta-Version sich bereits in den gängigen App-Stores befindet, für alle Interessierten als Open Source zur Verfügung gestellt.


Wir haben mit Marco Aulbach (Dramaturg) und Leonie Wolf (Szenografin) über den Entstehungsprozess gesprochen. Hier sind unsere fünf Fragen an die beiden.

Los gehts: Möchtet ihr für die Community in Bayern das GRIPS Theater einmal kurz vorstellen?
Das GRIPS Theater wurde 1969 in Westberlin gegründet. Dieser Moment gilt zugleich als Geburtsstunde des sogenannten emanzipatorischen Kinder- und Jugendtheaters. Denn das GRIPS hat für seine jungen Zuschauer:innen nicht wie damals üblich realitätsferne Abenteueroder
Märchenstücke gespielt, sondern Inszenierungen, die sich ganz konkret mit der gegenwärtigen Lebenswirklichkeit der Kinder auseinandergesetzt haben. Dabei verstand es sich als ‚Mutmach-Theater‘, das seinem jungen Publikum in musikalisch-komödiantischen Stücken über Probleme ihres realen Alltags zeigen wollte, dass es sich lohnt, für
Veränderungen einzutreten. Diesem Kurs ist das GRIPS bis heute treu geblieben und sieht es als sein Anliegen, Kinder- und Jugendliche stark zu machen – mit den Stücken auf der Bühne, aber auch darüber hinaus, etwa durch ein breites theaterpädagogisches Angebot oder das Engagement des Theaters im Bereich Kinderrechte.

2. Wie seid ihr auf die Idee für das AR-Toolkit gekommen und was genau beinhaltet es?
Digitale Welten sind längst zu einem festen Bestandteil des Alltags von Kindern und Jugendlichen geworden. Es ist daher nur konsequent, dass wir uns auch am GRIPS intensiv mit Digitalität beschäftigen, um der Lebenswirklichkeit des jungen Publikums weiterhin gerecht werden zu können. Ein besonderer Ansatz in gleich mehreren GRIPS-Projekten der letzten Jahre war dabei die Zusammenarbeit mit Digitalexpert:innen aus dem Bereich Game Design, die zunächst vor allem in theaterpädagogischen Kontexten erfolgte. Auf diese Weise entstanden die beiden partizipativen Stückentwicklungen „LEVEL FEAR“ und „Marshmallow Mystery“, in denen insbesondere mit dem Einsatz von AR experimentiert wurde. Aufgrund der äußerst positiven Erfahrungen, die wir in diesen Projekten sammeln konnten, haben wir beschlossen, uns noch einmal ganz grundsätzlich mit AR befassen zu wollen. Aus diesem Wunsch ist schließlich das Forschungsprojekt „GRIPS theatAR“ hervorgegangen, in dem wir uns dann sehr umfassend der Frage gewidmet haben, wie sich AR in den Arbeitsalltag an einem Ensemble- und Repertoiretheater einbeziehen lässt und welche technischen Herangehensweisen sich hierfür besonders eignen.

Foto: GRIPS Theater

3. Euer Projekt hat fünf Teile, könnt ihr sie kurz beschreiben?
Bei der Konzeption des Projekts haben wir zunächst überlegt, was für uns eigentlich im Kern die Kunstform Theater ausmacht. Wir sind dann bei der Arbeitsdefinition gelandet, dass Theater – ganz abstrakt betrachtet – bedeutet: Zuschauerinnen wohnen in einem geteilten, spezifisch gestalteten Raum dem Sprechen und Handeln von körperlich präsenten Schauspielerinnen bei. Vereinfacht gesprochen besteht eine Theateraufführung also aus „handelnden Körpern in einem Raum“. Und genau von diesen drei Grundbegriffen Körper, Raum und Handlung sind wir dann ausgegangen und haben jeweils herumexperimentiert, wie
AR an sie anknüpfen kann und wie sie sich mithilfe von AR vielleicht auch neu denken lassen.
Drei Module unseres Projekts waren dabei der Frage gewidmet, wie sich die Körperlichkeit einer Schauspielperformance mithilfe verschiedener Technologien einfangen und anschließend an andere (spezifische oder beliebige) Orte übertragen lässt. Ein weiteres Modul kreiste um die Frage, wie sich (Bühnen-)Räume durch AR transformieren und erweitern lassen.
Und schließlich sind wir in einem Modul auch der Frage nachgegangen, wie AR das Erzählen im Theater voranbringen kann und inwiefern sich mithilfe dieser Technologie Geschichten auf eine Weise präsentieren lassen, die so bisher nicht möglich war.

4. Ein Bereich ist der „Hybride Bühnenraum”. Gebt uns doch da bitte einen tieferen Einblick in Eure Arbeit. Welche Erkenntnisse könnt ihr teilen?
In diesem Bereich haben wir uns die Frage gestellt, wie der Entwicklungsprozess von hybriden Szenarien in Theaterproduktionen auf der Bühne stattfinden kann und welche neuen ästhetischen Möglichkeiten sich dadurch ergeben. Herausgestellt hat sich, dass der
ganze Prozess zweigleisig geschieht. Das Digitale und das Analoge werden zwar gemeinsam entworfen, dann jedoch getrennt voneinander in Werkstätten für den physischen und für den virtuellen Teil umgesetzt. Hierfür braucht es Expertinnen wie 3D Artists. Um die Gesamterfahrung zu ermöglichen, erfolgt die Implementierung dann vor Ort durch ‚neue‘ Gewerke, wie Game Designerinnen, gemeinsam mit ‚klassischen‘ Gewerken, wie Bühnenoder Lichttechnik. Auffallend war während des ganzen Prozesses, dass es bei der Zusammenkunft der Expertinnen aus den unterschiedlichen Bereichen viel Übersetzungsarbeit braucht, da sie jeweils ihre eigenen spezifischen Terminologien mitbringen. Der festlich geschmückte AR-Weihnachtsbaum befindet sich übrigens auch unter den Elementen in der Toolkit-App, anhand derer die Userinnen auch bei sich zuhause ausprobieren können, wie sich Räume mithilfe von AR verändern lassen.


5. Was wünscht Ihr Euch, was soll mit dem Toolkit passieren? Wie können andere Erfahrungen, die sie damit machen, mit Euch teilen? Was passiert als nächstes?
Wir wünschen uns, dass das Toolkit Menschen, die Lust haben AR im Theater oder in anderen Bereichen einzusetzen, eine Wissensgrundlage bietet und den Einstieg in die Technologien vereinfacht. Wir hoffen, dass andere von den Erkenntnissen, die wir gesammelt haben, profitieren und davon ausgehend kreative eigene Ansätze für AR im Theater entwickeln. Alle Ergebnisse, die dabei zusammenkommen, können gerne mit uns über unseren Instagram-Account @gripstheat_ar geteilt werden. Für jeden unserer Expertinnen geht es nun weiter mit verschiedenen neuen digitalen und hybriden Projekten – im Bereich Gaming ebenso wie
im Theater. Auch am GRIPS Theater wird aktuell daran gearbeitet, auf Grundlage der Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt eine neue, interaktive Theatererfahrung unter Einsatz von AR zu entwickeln. Diese wird dann im Frühjahr 2025 für das Publikum erlebbar sein.

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