Wirtschaft

Fünf Fragen an Prof. Armin Brysch, Hochschule Kempten


Kurz vor Semesterferienbeginn haben wir mit Prof. Armin Brysch gesprochen – auf dem Titelbild ganz rechts, gemeinsam mit Che´ Govender (links) und Prof. Alexander Schmidt (Hotelschool The Hague – in der Mitte) in Maastricht auf der XR-Metaverse Conference (Foto: A.Brysch).

Armin Brysch ist Professor an der Hochschule Kempten an der Fakultät für Tourismus-Management, sein Fachgebiet ist die dienstleistungsorientierte BWL. In diesem Rahmen erkundet und erforscht er die Potentiale von Extended Reality Technologien für den Tourismus und ist als Internationalisierungsbeauftragter natürlich auch im Austausch mit Kolleg:innen aus anderen Ländern. Los geht’s:


1. Welches Potential siehst Du für den Tourismus durch XR Technologien? 

Großes Potential! Wir müssen jedoch differenzieren zwischen Augmented Reality und Virtual Reality Anwendungen:
Bei AR-gestützten Anwendungen, die sich z.B. in Apps von Museen, Stadtführungen oder Urlaubsdestinationen befinden, ist die Nutzungsschwelle seitens der Tourist:innen niedrig. Reisende und Besucher:innen nutzen gern ihr eigenes, vertrautes Gerät gemäß dem BYOD-Konzept (bring your own device). Zudem kennen sie den Umgang mit AR-Filtern oder Spezialeffekte von eigenen Postings z.B. auf Instagram. Diese stärkere Nutzung deckt sich mit den Zahlen von Bitkom: Danach haben 2024 schon 28% der Deutschen über 16 Jahre AR-Anwendungen genutzt (2023 nur 19%).

Anders sieht es bei VR-Lösungen im Tourismus aus. Bereits umgesetzt werden immersive Lösungen im Business Travel oder im MICE Segment (Meeting, Incentives, Conventions and Exhibitions), global ein Milliardenmarkt. So werden im Metaverse oder besser in Virtual Worlds schon diverse Konferenzen und Meetings durchgeführt, die mit innovativen Tools lebensechte und interaktive Begegnungen zwischen internationalen Teilnehmenden schaffen, egal ob im digitalen Zwilling der Firma, im Meetingraum auf dem Mond oder einer spielerischen Fantasiewelt. Auch auf Konzerten und Sportevents können sich die Besucher schon in sechs Freiheitsgraden bewegen (6DOF), mit anderen interagieren oder virtuell klatschen und Feedback geben. In eher begrenztem Umfang bieten einzelne touristische Unternehmen ihren Gästen diverse VR-Erlebnisse an: So offerieren einige Hotels z.B. als Schlechtwetter-Alternative oder Entspannungsangebote ihren Gästen VR-Erlebnisse an oder große Freizeitparks locken mit eigenständigen, digitalen Abenteuern für Gruppen.


2. Kannst du ein paar Beispiele nennen?

Beispielhaft für Freizeitparks kann ich die Anwendung YULLBE PRO neben dem Europapark Rust nennen, der VR-Erlebnisse in einer Gruppe ermöglicht. In einem Raum bewegen sich die Besucher frei mit Full-Body-Tracking und können so eine wichtige Weltraummission retten … was mir und meinem Team glücklicherweise gelungen ist. 😊

Eine schöne AR-Anwendung mit interaktiver Entdeckungstour bietet die Albrechtsburg in Meissen mit dem HistoPad, der eine Zeitreise bis in 15. Jahrhundert zeigt. So werden Zeittore angeboten, die 3D-Inszenierungen und Bilder der historichen Ausstattung und Architektur erlebbar machen. Mehr über die Römer in Kempten zeigt die Cambodunum App, die mittels 360 Grad Videos und Fotos den Archäologischen Park Cambodunum zum Leben erweckt. Auch hier wird Geschichte spannend mit Avatar-basiertem Storytelling erzählt. Ein Klassiker ist bereits die Funktion Google Translate. Ich habe im Asienurlaub den AR-Übersetzer schätzen gelernt, um Texte auf der Speisekarte in kleinen Restaurants zu verstehen, die z.B. nur auf Chinesisch beschrieben waren.

Und natürlich schaffen XR-Anwendungen für Ausbildung, Training oder Onboarding im Tourismus und darüber hinaus echte Mehrwerte. Das kann ein VR-Trainingsmodul für die Hotelrezeption im Umgang mit schwierigen Gästen sein, ebenso wie die Weiterbildung zu Abläufen im Housekeeping oder beim Arbeits- und Brandschutz. Auch lassen sich KI-Avatare als Coach und Lernbegleiter einsetzen, besonders wenn ich verschiedene Sprachfassungen für mein Team brauche. Dabei zeigen erste Erfahrungen, dass der Lernerfolg umso größer ist, je realistischer und emotionaler das Trainingsszenario aufgebaut und umgesetzt wurde.


3. Wo siehst du noch Herausforderungen für Städte und Gemeinden, solche Technologien einzusetzen? 

Zunächst braucht es eine Offenheit gegenüber innovativen Lösungen für neue Gästeerlebnisse. Kommunen und touristische Destinationen bzw. deren Organisationen sind teilweise schon bereit, neue Wege zu gehen. Aber oftmals sind die Budgets knapp und auch die Kenntnisse der Mitarbeitenden über Chancen im Bereich XR nicht immer aktuell. Hier empfehle ich gern, zunächst selbst XR-Anwendungen auszuprobieren, egal ob im Museum oder Freizeitpark. Wer selbst die Kraft der Immersion und Präsenz erfahren hat, ist leichter zu begeistern für die neue Erlebnisqualität.

Dabei spreche ich mich für einen bewussten Einsatz aus. Die immersiven Technologien sollten im Tourismus immer nur so eingesetzt werden, dass für die Besucher klare Mehrwerte geschaffen werden. Manchmal liefern auch hybride Angebote vor Ort Chancen. Zum Beispiel können in einem Naturerlebniszentrum mittels VR-Brille besonders schützenswerte und sensible Naturräume erlebbar gemacht werden, ohne dass der Gast selbst physisch das Gebiet betritt und belastet.


4. Welche Forschungsfragen behandelt Ihr aktuell? 

Aktuell untersuche ich mit Kollegen aus den Niederlanden neue Ausbildungskonzepte im Gastgewerbe. Wir haben die Effekte von Low-End-VR-Training auf emotionale Reaktionen und Erfahrungslernen analysiert. Bei unseren Experimenten, die wir letzten Monat auf der XR Metaverse Konferenz in Maastricht vorgestellt haben, konnten wir Vorteile bei gamifizierten VR-Trainingsinhalten vorstellen. Diese machen ein VR-Erlebnis emotionaler, was in der Hotelausbildung die Motivation der Teilnehmenden steigern kann.


In einem anderen Projekt untersuchen wir Reisen für alle Sinne, d.h. inwieweit multisensorische VR-Reiseerlebnisse vor der Abreise die Wahrnehmung der Destination beeinflussen.


5. Auf welche Entwicklungen freust du dich besonders? 

Vielversprechend sehe ich die neuen Einsatzfelder von künstlicher Intelligenz im Tourismus. Die KI-Tools ermöglichen einerseits touristische Attraktionen und Angebote weiterzuentwickeln, andererseits auch den Zugang für Besucher und Gäste zu verbessern und zu personalisieren. So bieten z.B. generative Tools für die Text- und Bildgenerierung neue Chancen im Bereich Content-Erstellung, besonders für die vielen KMU im Tourismus. Über KI-gestützte Chat- oder Voicebots entstehen aktuell neue Möglichkeiten der Interaktion mit Gästen und Besuchern und wirken zudem den Fachkräftemangel entgegen. Mit neuen Forschungsprojekten wollen wir hier die Potentiale für den Tourismus weiter untersuchen.

Auch bei unseren Bachelorstudiengängen im Tourismus haben wir reagiert und den neuen Studienschwerpunkt „Tourism and Technology – TAT“ entwickelt, wo immersive Erlebnisse bereits praxisnah vermittelt werden.


Weiterführende Links:

  • Instagram @prof.brysch
  • Digitale Nachhaltigkeitskommunikation von Reiseveranstaltern – Explorative Analyse der digitalen Kommunikation unter besonderer Berücksichtigung der Kanäle Webseite und Instagram (2024), Link Springer
  • Metaverse & Tourism: From a New Niche to a Transformation (2023),Link Springer
  • Wie virtuelle Welten das Reisen beeinflussen (2023), Podcast

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