Kunst & Kultur

FÜNF FRAGEN AN MATHIS NITSCHKE


DIE PLANETEN VON GUSTAV HOLST ALS HÖRSPAZIERGANG

Mathis Nitschke hat »Die Planeten« von Gustav Holst, gespielt von den Münchner Philharmonikern unter der Leitung von Krzysztof Urbański, zu einem interaktiven Hörspaziergang durch das All transformiert.

»Die Planeten« ist der Name einer App, die Nutzer:innen einlädt, mit Smartphone und Kopfhörer in einem von 22 Münchner Parks, aber auch in Köln und Berlin in den Klang der Münchner Philharmoniker einzutauchen und dadurch Holsts Meisterwerk “Die Planeten” völlig neu zu erfahren. 

Hier könnt Ihr die App herunterladen. Wir haben mit Mathis Nitschke über dieses Projekt gesprochen.

1. Du bist dafür bekannt, Musik an ungewöhnlichen Orten zu präsentieren und durch die Verortung im öffentlichen Raum ganz neue Hörerlebnisse zu kreieren. Was war der Ausgangspunkt, die Planeten von Holst mit einem Raumschiff auf einem Spazierganz zu erkunden?

In unserem Proof of Concept “Inside MPhil – St. Nikolai” (2019) haben wir per Smartphone-App und GPS den Orchesterklang begehbar gemacht: man erlebt die Münchner Philharmoniker virtuell auf der Wiese so, als wären die Musiker dort aufgestellt. Beim Ausprobieren haben wir dann festgestellt, dass es nicht nur toll ist, im Orchesterklang selbst herumzuspazieren und sich umzuhorchen, sondern sich auch mal vom auf der Wiese platzierten Orchester zu entfernen, in die Welt zu gehen und dabei das Orchester hinter sich in der Ferne leise werden zu lassen; – um dann wieder zurückzugehen und in das Orchester hineinzutauchen und im Klang zu baden. Daraus haben wir dann das grundlegende Spielprinzip für “Die Planeten” entwickelt.
Die Orchestersuite “Die Planeten” von Gustav Holst beschreibt in sieben Musikstücken jeweils einen Planeten unseres Sonnensystems. Diese Planeten haben wir dann im Park an verschiedene Orte verteilt und begleitend dazu eine unkomplizierte Erzählung entwickelt, anhand derer man als Pilot eines Raumgleiters von Planet zu Planet fliegt. Eigentlich auch nicht mehr, als was in der Musik eh schon drinsteckt.

2. Wie war die Zusammenarbeit mit den Münchner Philharmonikern? Habt Ihr hier eine ganz klassische Aufnahme gemacht?

Viele Projekte, die sich mit der hier verwendeten Technologie der synthetischen Binauralisation beschäftigen, versuchen, die Kunst der Technik unterzuordnen, weil sie die Technik möglichst perfekt haben wollen. Ja klar, verständlich, aber das führtdann  dazu, dass z.B. die Musiker ihre Stimme einzeln aufnehmen müssen. Denn Übersprechen zwischen den Mikrofonen darf es nicht geben um die Lokalisation präzise zu halten und unschöne Klangverfärbungen zu vermeiden. Dabei stirbt aber leider die Musik.
Es ist ein besonderes Privileg, mit einem Weltklasseorchester wie den Münchner Philharmonikern arbeiten zu dürfen. Ich denke, schlussendlich muss einen deren musikalisches Spiel mitreißen und nicht der tolle Spatial Sound. Deswegen habe ich in enger Zusammenarbeit mit dem Aufnahmeleiter des Orchesters, Johannes Müller, in einer für mich erweiterten Mikrofonierung einen klassischen Konzertmitschnitt verwendet, mit all dem Adrenalin und der Spielfreude des Orchesters beim Konzert vor Publikum.

3. An wen richtet sich das Projekt? Wollt Ihr damit neue Audiences erschließen für klassische Musik?

Wir hoffen, dass unsere Experience nicht nur die kleine Schnittmenge der Freunde klassischer Musik und der Freunde narrativen Gamings erfreut, sondern die Welten gegenseitig aufschließt. Der Programmierer Michael Klier steht quasi prototypisch dafür: er hat seine Liebe zu Games zum Beruf gemacht und freute sich nun darauf, seine Games-Leidenschaft mit seiner Begeisterung für Holsts “Planeten” zu verbinden. Aber eigentlich haben wir eh nicht viel über Zielgruppen nachgedacht. Für meinen Mitstreiter Gunter Pretzel ist die Haupttriebfeder sein Erleben des Orchesterklangs von innen heraus, als Bratschist, und wie man dieses Erlebnis auch Nicht-Orchestermusikern vermitteln kann. Eine meiner Triebfedern ist zu beweisen, dass Smartphones nicht nur zur Weltflucht und Ablenkung dienen, sondern auch Menschen mit der Welt verbinden können. Aber über allem steht natürlich die Lust daran, Musik auf neuen Wegen erlebbar zu machen und zu sehen, was neue Erlebnisformen mit der Musik selbst machen, wie sie sich verändert.

4. Ihr habt ja inzwischen verschiedene Orte ausgewählt: Wie unterscheidet sich das Erlebnis an diesen Orten und nach welchen Kriterien wählt Ihr die Orte aus?

Die Münchner Parks bin ich alle vor Ort abgegangen und habe jeweils Qualitäten gefunden, die die jeweilige Lokalisierung besonders machen. Im Prinzip ist der Soundwalk aber überall auf der Welt installierbar, solange eine frei begehbare Fläche von ca. 200 mal 200 Metern zur Verfügung steht. Das mache ich dann per Google Earth. Mein Ziel ist eine möglichst weltumspannende Erlebbarkeit. Es wird dazu auch demnächst eine englische und vielleicht auch spanische Fassung geben. Wer einen konkreten Vorschlag oder Wunsch für eine Verortung in seiner oder ihrer Nähe hat, kann sich gerne an planets@sofilab.art wenden.

5. Was ist Dein nächstes Projekt oder Dein nächster Wunsch, den Du gern verwirklichen würdest? Verrätst Du uns da etwas?

Da bin ich noch am suchen. Mich interessiert die Besonderheit, die durch die Verbindung von Musik, Klang und Erzählung zu einem bestimmten Ort entsteht, bin aber auch am Hadern mit der beschränkten Skalierbarkeit ortsspezifischer Kunst. Ich habe Ideen, ein räumlich-klangliches Musikerlebnis an jeden beliebigen Punkt auf der Erde künstlerisch sinnvoll automatisch zu mappen. Mal sehen, wie weit ich damit komme.
Andererseits forsche ich ja seit einigen Jahren an der Schnittstelle von Musiktheater und sog. Künstlicher Intelligenz und würde mich nach etwas Pause gerne wieder mehr dem Thema widmen.

Die App ist auch Teil des Festivals »MPHIL 360°« mit dem Titel »SPACE ODYSSEY« vom 24.– 26.6.2022, die sich Klängen aus dem Weltall widmet. In Stanley Kubricks Meisterwerk »2001: Space Odyssey« nutzte der Regisseur György Ligetis Orchesterwerk »Atmosphères«, um den Weltraum klanglich darzustellen. Mit dem Festival »Space Odyssey« wollen die Philharmoniker in diesen Kosmos eintauchen.

Die App wurde vom FFF Bayern im XR Förderprogramm gefördert.

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