Kunst & Kultur

FÜNF FRAGEN AN ERNST HÜTTL: Abba Naor – Lernen mit digitalen Zeugnissen (LediZ) – LMU München


Im Münchner Projekt Lernen mit digitalen Zeugnissen (Lediz) sind deutschsprachige interaktive 3D-Zeugnisse von Überlebenden der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen erstellt worden.

Am Leibniz-Rechenzentrum der Bayerischen Akademie der Wissenschaften haben Nutzer:innen die Möglichkeit, sich mit der Lebensgeschichte der Überlebenden vertraut zu machen und den interaktiven Zeugnissen Fragen zu stellen.

Nun haben die am Projekt Beteiligten die Geschichte von Abba Naor zusätzlich in einem virtuellen Raum aufgearbeitet. Wir haben mit Ernst Hüttl gesprochen, der die Umsetzung übernommen hat.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Geschichte von Abba Naor in einem virtuellen Raum zu erzählen?

Ernst Hüttl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt LediZ (Lernen mit digitalen Zeugnissen) an der LMU München

Unser Projekt „Lernen mit digitalen Zeugnissen“ erlaubt es Nutzer:innen, Abba Naors digitalem Abbild Fragen zu stellen, nachdem sie sich seine Erzählung angehört haben. Wir stellen dabei immer wieder fest, dass vor allem Schüler:innen bisweilen Schwierigkeiten haben, der komplexen Geschichte zu folgen, die sich über etliche Jahre, Länder und Konzentrationslager erstreckt. Ein Hub schien die perfekte Möglichkeit, die Erlebnisse der Holocaust-Überlebenden in überschaubare Episoden aufzubrechen und mit kontextualisierenden Hintergrundinformationen und historischem Quellenmaterial auszustatten, die sich Nutzer:innen dann interaktiv und in ihrem eigenen Tempo erschließen können.

Was waren die führenden Gedanken bei der Konzeption des Raumes?

Abbas Hub ist als begehbare Zeitleiste konzipiert: Von einem langen Korridor zweigen nacheinander einzelne Räume ab. Jedem Raum wurden zentrale dreidimensionale Objekte oder eine dreidimensionale Umgebung zugeteilt, die in unmittelbarer oder abstrakter Weise auf Episoden aus Abba Naors Geschichte Bezug nehmen, deren Bedeutung sich den Besucher:innen aber nicht von alleine erschließt. Die Nutzer:innen werden somit beim Betreten des Hubs zunächst vor ein Rätsel gestellt, das Neugierde, Vermutungen und Vorerwartungen auslösen soll. Sie haben dann die Möglichkeit, die entsprechende Passage aus Abbas Erzählung anzuhören, wodurch die Bedeutung der Objekte angedeutet wird, ohne dass sämtlicher Interpretationsspielraum genommen wird.

Was waren die größten Hürden bei der Umsetzung?

Die größte Herausforderung war es, eine Bildsprache zu entwickeln, die weder verharmlosend ist, noch überwältigend. Wie stellt man im virtuellen Raum eine Selektion dar, oder eine Deportation, oder eine Vergasung? Wir haben uns hier um eindrückliche, aber abstrakte Bilder bemüht. Wenn man den Holocaust und NS-Verbrechen thematisiert, muss man außerdem vermeiden, Tätersprache zu reproduzieren oder fragwürdige Assoziationen auszulösen. Da mussten wir achtsam sein. Zudem sollte der Hub nicht den Eindruck erwecken, dass es sich dabei um eine „authentische“ Rekonstruktion historischer Orte und Objekte handelt. Wir haben uns deshalb bewusst für eine eindeutig stilisierte Ästhetik entschieden.

Premiere“ war am 27.01.1922, also am diesjährigen Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust – wie war das Feedback?

Die Reaktionen sind erwartungsgemäß vielfältig ausgefallen. Eine Nutzerin erklärte, dass sie den Eindruck hatte, sich durch ein „Labyrinth der Erinnerung“ zu bewegen und lobte die „lyrische Qualität“ des Hubs. Ein anderer Nutzer kritisierte, dass er die Bilder als übermächtig empfand. Er habe irgendwann die Augen geschlossen und nur noch der Erzählung des Zeugen zugehört. Kontrovers war, dass die Nutzer:innen auch Avatare wie Roboter oder Pandabären auswählen können, mit denen sie sich durch den Raum bewegen. Manche empfanden das als unangemessen. Insgesamt kann man sagen, dass der Hub niemanden gleichgültig gelassen hat. Das war alles, was ich mir erhofft habe.

Haben Sie damit eine Ausstellung, ein Museum oder eine Gedenkstätte geschaffen?

Das ist eine Frage, über die viele Nutzer:innen diskutieren. Manche argumentieren sogar, dass es eine Art Rätselspiel ist. Das kommt am Ende auf die Definitionen an: Gedenkstätten sind in der Regel historische Orte, Spiele haben üblicherweise klar definierte Ziele und Regeln. Mir persönlich scheint deshalb der Begriff des „Erinnerungsraums“ am passendsten zu sein.

Danke für das Gespräch!

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