Kunst & Kultur
Kunst & Kultur
13.03. – 14.09.2025 im Architekturmuseum der TUM in der Pinakothek der Moderne
Die Ausstellung „Trees, Time, Architecture! Design in constant transformation” im Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne ist noch bis zum 14. September zu sehen, also bis zum Ende der bayerischen Sommerferien.
Sie ist inhaltlich und auch von den Präsentationsformen her sehr interessant. Deswegen empfehlen wir einen Besuch vielleicht an einem regnerischen Ferientag?
Die Ausstellung untersucht anhand historischer und aktueller Beispiele Potenziale und Herausforderungen, die ein „ Bauen auf Baum“ in Architektur und Landschaftsarchitektur mit sich bringt. Wir lernen internationale Beispiele aus verschiedensten Ländern kennen.
Dabei beleuchtet sie das Spannungsfeld zwischen der Langsamkeit, mit der Bäume wachsen und der Dringlichkeit, hier und jetzt Antworten auf aktuell wichtige ökologische und gesellschaftliche Fragen zu finden.
Projektbeispiele aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten und Klimazonen illustrieren die Gestaltung von Prozessen, die zu einer fruchtbaren und langfristig tragfähigen Beziehung zwischen Bäumen und Bauwerken führen können.
Ein Projekt in der Ausstellung ist die lebende Wurzelbrücke der Khasi People, Indien.
Diese über 10 Meter lange Brücke kann in der Ausstellung in Augmented Reality begangen werden.


Wir haben mit Marco Pisano gesprochen, der sich gern technologischen Herausforderungen annimmt und das augmentierte 3D Modell dieser Hängebrücke in annähernder Lebensgröße aus über 500 Fotos produziert hat. Die Fotos vor Ort aufgenommen hatte der Wissenschaftler Wilfrid Middleton. Dieser forscht aktuell im Rahmen seiner Dissertation zum Thema der Lebenden Brücken an der Professur für Green Technologies der TU München.


Marco Pisano ist ausgebildeter Grafikdesigner und studierte anschließend Interaktionsgestaltung. Nach mehreren Jahren als Interface Designer in der Automobilbranche ist er heute als selbständiger Creative Technologist tätig. Sein Schwerpunkt liegt auf digitalen und interaktiven Installationen für Ausstellungen, Messen und Events.






Hier sind unsere Fragen:
1 Marco, was war der Ausgangspunkt für das Brückenprojekt? Wer war alles daran beteiligt?
| Der Lehrstuhl für Green Technologies in Landscape Architecture der TU München forscht unter anderem im Bereich der Baubotanik – also dem Bauen mithilfe von lebenden Pflanzen. Lebende Brücken in Indien sind dabei ein faszinierendes Forschungsobjekt, weil sie als funktionale Strukturen wertvolle Einblicke in das erfolgreiche Entwerfen mit lebendem Material bieten. Der Datensatz für die Brücken wurde von Wilfrid Middleton im Rahmen eines seiner Forschungsprojekte erstellt. Wilfrid untersucht mithilfe von Photogrammetrie und Skelett-Extraktion, wie sich Erkenntnisse über die Stabilität und anderer Aspekte lebender Strukturen gewinnen lassen. Seine sehr interessanten Papers gibt’s gesammelt hier nachzulesen: https://www.researchgate.net/profile/Wilfrid-Middleton Das Projekt entstand, als die Kuratorin der Ausstellung, Kristina Pujkilović, die mit „Weaving Time“ eine sehenswerte Dokumentation über die lebenden Brücken gemacht hat, mich fragte, ob ich mir vorstellen könnte, eine der Brücken für die Ausstellung digital aufzubereiten. Zu so einem spannenden Datensatz konnte ich einfach nicht nein sagen. |
2 Du hast über 500 Fotos von der Brücke bekommen. Wie hast Du diese in das räumliche Brückenmodell umgewandelt, das wir als Besucher:innen mittels Tablets begehen können?
| Als ich 2023 gefragt wurde, ob ich zu der Ausstellung beitragen möchte, wurde gerade ein wichtiges Paper von inria zu 3D Gaussian Splatting veröffentlicht. Dabei handelt es sich um eine neuartige – eigentlich wiederentdeckte – digitale 3D-Darstellung, bei der die Fotos nicht wie üblich zu klassischen 3D-Meshes oder Punktwolken verarbeitet werden, sondern die Szene aus vielen kleinen und großen „Splats“ besteht. Splats sind ovale Flächen mit weichen Rändern, die im 3D-Raum verteilt werden. Ein Algorithmus entscheidet über deren Größe, Ovalität, Farbe, Weichheit und Position. Durch die Überlagerung dieser Splats entsteht ein flächiges Volumen, das dem Detailgrad eines hochaufgelösten Meshes ähnelt, aber in Echtzeit deutlich schneller gerendert werden kann. |


Skizze zur Erklärung der Funktionsweise von Splats; Abb. Seite 6 aus dem genannten Paper der Autoren Kerbl/Kopanas/Leimkühler/Drettakis
| Im Zuge der Konzeptentwicklung haben wir verschiedene Modalitäten diskutiert. Ursprünglich wollte ich die Brücke auf einem Display visualisieren und durch Handbewegungen via Leap Motion für die Besucher:innen erlebbar machen. Die beiden Kurator:innen schlugen jedoch vor, die Brücke in Augmented Reality und damit in Originalgröße zu präsentieren. Zunächst war ich davon nicht ganz überzeugt, da unbeaufsichtigte XR-Anwendungen oft mit gewissen Herausforderungen verbunden sind. Schon der erste Prototyp zeigte aber, dass AR der richtige Weg ist. Trotz einiger technischer Hürden hat sich diese Entscheidung als absolut richtig erwiesen – die Wirkung, die das Erlebnis in Originalgröße auf die ersten Tester:innen hatte, war beeindruckend. |


3 Was waren die größten Herausforderungen für Dich?
| – Die größte softwareseitige Herausforderung war es, die damals noch recht neuen Gaussian Splats performant auf iPads darzustellen. Nach Veröffentlichung des Originalpapers erschienen viele Open-Source-Varianten und Optimierungen. Einen guten Mix daraus zu finden und alles für Metal auf iOS zu optimieren, war aufwendig und erforderte einen Kompromiss zwischen Geschwindigkeit und Detailgrad. Mein ursprüngliches Modell der Brücke hatte etwa drei Millionen Splats, die Version für die iPads zeigt etwa 750.000 Splats. – Auch die Bedingungen vor Ort in der Ausstellung stellten mich vor Herausforderungen: Der Raum war dunkler als erwartet, was vor allem für Augmented Reality problematisch ist. Bodenmarker ( siehe Foto weiter oben) haben das Problem gut gelöst, aber für zukünftige AR-Projekte gilt: Licht, Licht, Licht! – Die Höhe des Raums sowie die Anbringung und Stromversorgung der iPads war ebenfalls anspruchsvoll, da die Geräte an fünf Meter langen Drahtseilen von der Decke hängen, aber USB-C für die Stromversorgung eigentlich nur bis 2,5 Meter spezifiziert ist. |




4 Wie kommt die Brücke in der Ausstellung bei den Besucher:innen an? Was kann Augmented Reality hier, was andere Objekte vielleicht nicht können?
| Ich habe den Eindruck, dass digitale und vor allem interaktive Inhalte die Besucher:innen besonders anziehen. Augmented Reality bietet hier einen großen Vorteil: Die Experience ist nicht vorgegeben, die Besucher:innen können sich frei um die Brücke bewegen und selbst entscheiden, aus welchen Perspektiven sie sie betrachten. Die Größe ist ein weiteres Highlight – auf einem Bildschirm hätte das Modell sicherlich auch gut ausgesehen, aber die Brücke in (fast) Originalgröße im Raum zu erleben, ist eine Erfahrung, die mit anderen Medien schwer darzustellen wäre. Besonders spannend finde ich die Art der Interaktion: Nachdem ich Monate an der Entwicklung gearbeitet habe, ist es großartig zu sehen, wie kreativ die Menschen mit der Brücke umgehen. Eigentlich hatte ich Occlusion – also die Möglichkeit, dass Besucher:innen im Modell „ausgeschnitten“ werden – nur zum Testen eingebaut. Auf einem der iPads habe ich es aktiviert gelassen und siehe da: Die Besucher:innen positionieren ihre Freund:innen so, dass sie auf der Brücke stehen und machen Fotos davon. Diese Form der Nutzung hätte ich nie erwartet – da geht mir als Entwickler der Experience das Herz auf. |


Darstellung am Besucher:innentablet
5 Was planst Du als nächstes?
| Im Rahmen der Ausstellung findet Anfang September eine Summer School statt, zu der Studierende aus verschiedenen Ländern kommen und an Workshops teilnehmen können. Aktuell bereite ich meinen Workshop vor, in dem ich zeigen werde, wie man reale Objekte digitalisiert, manipuliert und anzeigt. Ein sehr praktischer Überblick zu VR und AR wird ein Teil des Workshops, damit die Studierenden die Techniken direkt für die Abschlussausstellung der Summer School anwenden können. Mehr Infos zur Summer School findet ihr hier: https://www.arc.ed.tum.de/en/gtla/trees-time-architecture/summer-school/ |
Infos zur Ausstellung:
AUSSTELLUNG: https://www.pinakothek-der-moderne.de/ausstellungen/trees-time-architecture/
SUMMER SCHOOL: https://www.arc.ed.tum.de/gtla/trees-time-architecture/summer-school/
Projektleitung/ Kuratorische Leitung: Ferdinand Ludwig, Kristina Pujkilović
Ko-Kuration: Andjelka Badnjar Gojnić
Projektkoordination: Andres Lepik
Wissenschaftlich-kuratorischer Beirat: Noël van Dooren, Sonja Dümpelmann
Grafische Gestaltung: strobo B M
Ausstellungsgestaltung: Buero Kofink Schels
Links zu den visualisierten wissenschaftlichen Inhalten:
TU MÜNCHEN, Green Technologies in Landscape Architecture:
https://www.arc.ed.tum.de/gtla/professur/
https://www.arc.ed.tum.de/gtla/forschung/living-root-bridges/
WILFRIED MIDDLETON:
KRISTINA PUJKILOVIC:
https://www.arc.ed.tum.de/gtla/team/kristina-pujkilovic/
MARCO PISANO: